Sonntag, 22. Juli 2007. Auf Wiedersehen, ARI. Morgen ist mein letzter Tag in ARI. 11 Monate sind verflogen.
In mitten dieses grün-blauen (wenn auch mittlerweile vielleicht eher smog-grauen) Punktes (nämlich auf der Erde) schafft es mein Kopf nicht, zu fassen, was es heißt, von Japan und von ARI weg zu gehen. Nicht, weil es ungewohnt wäre, weit weg zu fahren, oder für eine längere Zeit weg zu sein, es ist nicht, weil wieder etwas Neues auf mich zukommt, sondern es ist etwas anderes. Die Seele, heißt es, geht zu Fuß. Aber der Kopf fliegt, so habe ich das Gefühl, schneller von Ding zu Ding, wie mich das Flugzeug tragen wird. Und doch wollen der Kopf und darin meine Gedanken nie so recht ankommen. Sie springen stets hin und her, plagen sich mit diesem oder amüsieren sich über jenes Thema. Greifen allerdings können sie nichts.
Vielleicht kommen einigen unter euch und Ihnen diese Sätze bekannt vor. So begann ich meinen ersten Bericht vor knapp einem Jahr. Es ist wieder Zeit. Zeit mich zu bewegen, meine Heimat zu wechseln. ARI wurde mir Heimat, wirklich keine Frage. Und wie es auch in Deutschland war, so ist es auch hier schwer, seine Familie zu verlassen.
Doch auch wenn meine (offizielle) Zeit als Freiwilliger in ARI vorbei ist, ist es mein "Anderer Dienst im Ausland" noch nicht. In weniger als einer Woche werde ich in Ost-Afrika sein. Es scheint alles noch eher ein Traum als Realität.
Wie auch immer möchte ich in diesem Bericht nur kurz über den Monat Juli berichten und damit meine monatlichen Berichte aus und von ARI abschließen.
Nach Afrika werde ich einen langen Report über meine Reise anfertigen müssen, einmal auf Englisch, der an ARI und - übersetzt ins Japanische - an ARWA (Asian Rural Welfare Association) geht, und dann werde ich diesen Bericht ins Deutsche übersetzen und an euch alle weiterleiten.
Des Weiteren werde ich nach diesem Bericht einen weiteren Bericht verfassen: Mein Abschluss-Bericht mit Reflektionen und abschließenden Gedanken über ARI, Zivildienst im Ausland, Sinn und Zweck, Entwicklungshilfe, und den ein oder anderen sonstigen Kuriositäten.
Voraussichtlich im Oktober werde ich Vorträge/Präsentationen über dieses Jahr halten. Dazu gibt es dann später aber per E-Mail noch genauere Informationen.
Juli 2007 - Wie war das noch mal ohne Regen?
Es regnet. Täglich, mehrmals. Es wird auch Regenzeit genannt, habe ich gehört. Der Juli war einerseits ereignisreich, andererseits sehr Japanisch. Drei Wochen Juli, und zwei davon waren Malte und ich auf Reisen - durch Japan.
Insofern kann ich nur von einer Woche ARI berichten, was aber sehr packend, rührend, traurig, gewaltvoll, eindrucksvoll, begeisternd und energiegeladen war. Zunächst war da meine "Volunteer Reflection" - eine Reflektion über die Probleme und Kritik nach knapp einem Jahr in ARI -, und dann war da noch meine Verabschiedungsfeier, die vor allem von meiner Gruppe (mit der ich auf dem Feld zusammen arbeite) organisiert wurde.
Volunteer Reflection Session
Diesen Abend plante ich lange. Nun ja, ich plante ihn weniger als ich ihn eher herbei wünschte. Einfach direkt und offen über Probleme und Kritik in ARI sprechen. Mit Mitarbeitern, Participants und Freiwilligen. Trotz kaum Vorbereitung gestaltete sich der Abend (der, so dachte ich, nach einer halben Stunde vorbei sei) als sehr kontrovers, spannend und vor allem - lang. Ich sprach über das Jahr, wie ich mich veränderte, die drei Phasen in ARI (erste Participants, Winter-Zeit, neue Participants) und was sich in ihnen änderte. Ich redete über die Rolle der Freiwilligen in ARI, die Arbeit, die Mitarbeiter und das Verhältnis zur Arbeit und über Religion und Christentum in ARI (siehe mein vorletzter Bericht).
Nach der Session kamen viele der Participants zu mir und bedankten sich - für meinen Mut, für meine Direkt- und Offenheit. Viele meinten, sie würden gerne über ihre Probleme sprechen, könnten dies aber nicht. Und Saik aus Myanmar meinte, prägnant und ein wenig amüsant wie immer, "you feel, you talk" (‚du fühlst, du sprichst'). Insgesamt freute ich mich über die Reaktionen, auch wenn so einige natürlich mit meiner Sichtweise nicht einverstanden waren und mir einiges zum Kauen vorlegten. Direkte Kritik und Angriffe konnte ich vor allem von Afrikanern hören, die in ihrer direkten Weise auch kein Blatt vor den Mund nehmen. Glücklicherweise basierte dies jedoch meist auf Missverständnissen der Kommunikation, die man dann je nachdem schnell oder weniger schnell einigermaßen erhellen und klären konnte.
Doch die Religion ist und bleibt ein heißes Thema. Die Welt im Kleinen, keine Frage. Das ist hitzig.
Meine Verabschiedungsfeier
"We welcome you all tonight to say farewel & sayônara to our friend Mr Denis" (wir heißen euch heute Abend alle willkommen um unseren Freund Mr. Denis zu verabschieden und ‚sayônara' zu sagen) hieß es auf dem Schild das an der Wand hing, hinter Bambus Zweigen und Blättern geschmückt mit vielfarbigen Papierblumen und Zukunfts-Wünsch-Papierchen.
Meine Gruppe, die Gruppe 4, die sich den Namen "Emmanuel" gegeben hatte (später freuten sich einige der Mitglieder über den Zufall, dass mein zweiter Name Immanuel ist), hatte sich ganz schön ins Zeug gelegt. Es wurden Auftritte, Lieder, Tänze und ein kleines Theaterstück organisiert, alles, ohne das ich etwas davon mitbekam!
Es war sehr eindrucksvoll! …Sie sangen ein deutsches Lied (ja, ein paar Worte konnte ich heraushören), gaben mir kleine Geschenke, es gab ein paar kurze Reden meiner Chefin und zwei anderer Mitarbeiter ("Nagashima sans" und "Laksiri san,no?!") und auch ich musste eine kurze ‚Rede' halten:

Ich konnte jedoch nicht viel sagen. Ich war wirklich überwältigt, und meine Worte waren irgendwo, nur nicht in meinem Kopf.

Oben: My family - Bahara (Indonesien), ich, Jones (Solomon Islands)
Unten: Reeta (Indien), Dario (Philippinen), Aina (Madagaskar)
Um meinen Hals trage ich eine tansanische Flagge, die mir Shariff, Teilnehmer aus Tansania, gab. Er meinte da ich nach Tansania gehe, könnte ich dort natürlich nicht ohne die Flagge hingehen. Asante sana rafiki yangu!

Einer der Auftritte: Arati aus Bangladesh tanzt einen traditionellen Tanz zur traditionellen bengalischen Musik im Hintergrund.
Auf Reisen in Japan - zwei Wochen querbeet, Reisetagebuch
9. Juli 2007: Sechs ein halb Stunden für 50 km: Der erste Tag.
Malte und ich starteten unsere 12-Tage-Tramp-Tour durch Japan. Es ist 13:30 Uhr und wir haben mehr als 6 Stunden gebraucht um etwa 50 km weit zu kommen!
Allerdings kein Problem, wir hatten jede Menge Spaß: Nachdem wir für etwa 40 Minuten warteten kamen drei junge professionelle Baseball Spieler und nahmen uns mit. Als sie uns fragten ob wir eine Menge Geld mitgebracht hätten und wir verneinten, gaben sie uns 800 Yen als Geschenk!
Sie fuhren uns bis nach Utsunomiya wo wir dann weitere 2 Stunden warteten. Da aber niemand kam, fingen wir an Richtung Stadt zu laufen. Auf dem Weg fanden wir glücklicherweise erst ein und dann noch ein anderes Fahrrad (beide waren etwas kaputt), somit waren wir etwas schneller.
Jetzt sitzen wir im Zug und fahren bis es dunkel wird und der Zug die Endstation erreicht. Unser Ziel heute ist Kyoto Präfektur - mindestens noch 6 Stunden!
10. Juli 2007: Regen, Regen, Regen.
Wir stecken fest. Es ist 9.30 morgens und wir sitzen in einem Manga-Cafe irgendwo in Westjapan zwischen Nagoya und Gifu.
Wir kamen hier gestern Nacht um 11 Uhr an. Wir fanden einen schönen Platz für unser Zelt ein wenig außerhalb der Stadt.
Während wir heute früh unter einem Dach warteten, gaben uns zwei nette Japanerinnen zwei Regenschirme da wir keine hatten. Arigatou!
Jetzt sind wir auf dem Weg zur Autobahn die ein klein wenig weit weg von der Stadt ist. Außerdem regnet es zu viel. Wir müssen warten…
Nun… Weiter hier rumhängen und japanische Mangas und ein wenig Kuchen und Kakao genießen.
11. Juli 2007: Die alte Hauptstadt.
Gestern sind wir um 7 Uhr abends in Kyoto angekommen. Tadaima, meine zweite Heimat in Japan. Da das Wetter immer noch sehr launisch ist haben wir uns entschieden hier ein paar Tage zu bleiben. Wir können bei Mayumi und Fuji übernachten. Vielen Dank!!!
Heute haben wir einen netten Tempel besucht. Später werden wir ein paar Japanern Abendessen haben.
15. Juli 2007: Immer noch in Kyoto.
Heute war der erste Tag ohne Regen! …und wir sind immer noch in Kyoto. Wir werden hier bis nächsten Mittwoch bleiben. Danach gehen wir wahrscheinlich noch Freunde besuchen, so dass wir dann am Wochenende wieder zurück sind.
Ich habe einen Freund in Nagoya den ich noch aus Australien kenne, vielleicht können wir ein Bier zusammen mit ihm trinken gehen.
Morgen werden wir ein traditionelles Festival hier in Kyoto sehen. Hoffentlich ist das Wetter besser und der Taifun vorbei. (Na ja, zum Glück müssen wir nicht unser Zelt benutzen!)
20. Juli 2007: Wir leben noch.
Es ist noch nicht vorbei und wir leben noch.
Es ist Freitag und 9 Uhr morgens. Wir sitzen im Zug und fahren in Richtung Tokyo und dann letztendlich zurück zu ARI. Das dauert noch etwa 9 Stunden.
Gestern waren wir in Nagoya, eine große hässliche japanische Stadt. Da wir bis um 10 Abends warten mussten, um meinen Freund Takayuki zu treffen, hingen wir in einer Art Park herum. Zunächst trafen wir zwei amerikanische Freiwillige Missionare die sich mit unser über Deutsch, Japan, Landwirtschaft und schließlich ihre Überzeugung in das Heilige Buch der Mormonen sprachen. Außer des letzten Teils war es doch recht lustig. Als Malte mir später erzählte, dass die Mormomen Polygamie erlauben, hatte ich mir doch gewünscht, mehr mit ihnen gesprochen zu haben. Na ja… (Ja, die Mormonen erlauben keine Polygamie, aber das macht ja hier nun nichts.)
Danach trafen wir Djembe-Chichi der direkt neben uns Djembe (afrikanische Trommel) spielte. Nach einer Weile ladete er uns ein mit ihm zu spielen und ich bekam einen sehr inspirierenden Djembe Unterricht! Tanoshikatta - hat sehr viel Spaß gemacht.
Zwei andere Japaner kamen hinzu und nach einer Weile redeten wir über Kriegsdienstverweigerung, warum ich nach Afrika gehe und wie man "cheers" (also Prost) auf Deutsch sagt und ausspricht.
Dann trafen wir meinen Freund und wurden einer Freundin von ihm vorgestellt. Wir aßen Donuts, Chinesisches Essen und tranken ein wenig Bier. Und wir lernten das echte Leben eines japanischen so genannten ‚Salary Man' kennen. Laut ihm heißt das niedriges Gehalt, keinerlei Urlaub oder Ferien, manchmal Arbeit bis spät in den Abend. Das ganze Jahr, und - für viele - das gesamte Leben bis zur Rente.
Nachdem wir nun etwas Frühstück im Zug hatten (was in japanischen Zügen doch sehr seltsam anzumuten ist), schlafen wir nun und sind auf unserem Weg zurück…
Sayonara Nippon - Matane?
Auf Wiedersehen Japan und ARI. Bis bald? Mehr dazu in meinem Abschlussbericht. Ich bitte um Geduld.
Der nächste Schritt: Afrika
Dienstag werde ich zunächst für zwei Tage heim, nach Deutschland, fliegen. Dann geht es direkt nach Dar es Salaam in Tansania.
Ich würde auch gerne noch mal darauf hinweisen, dass für Afrika immer noch eine Menge an Kosten anfallen, vor allem für Visa Gebühren (etwa 100 Euro), sowie der Flug (die Hälfte wird gesponsert, die andere Hälfte beträgt etwa 450 Euro)! Jegliche Hilfe, wenn auch nur sehr kleine Beträge, helfen mir, da ich das Geld bisher nicht selbst aufbringen kann. Falls Sie Interesse daran haben mein Programm in Afrika zu unterstützen, können Sie an den Sozialen Friedensdienst Kassel e.V. spenden. Diese Spende wird dann für diese Ausgaben verwendet! Bei Fragen bitte einen Blick auf
www.japan.denniskeller.net/spenden.php werfen oder mir eine E-Mail senden.
Afrika wird sehr intensiv, da mein Programm sehr voll sein wird. Ich werde Graduates besuchen, sie interviewen, möchte dort über folgende Dinge lernen und ‚forschen': Ländliche Entwicklung, die so genannte Entwicklungshilfe und deren Sinn und Zweck, ökologische und vor allem nachhaltige Landwirtschaft und Permaculture, Gemeinschaftsentwicklungen, dörfliche und urbanisierte Regionen und die Implementierungen des ARI Trainings in den Alltag. Ich werde ARI Graduates vor Ort, in den abgelegensten und ländlichsten Regionen Ostafrikas, besuchen, werde - falls genügend Zeit vorhanden - Nichtregierungsorganisationen besuchen und ihnen das ARI Training zusammen mit Graduates vorstellen, werde an einem Joint Meeting in Uganda als Ehrengast teilnehmen, das extra für mich organisiert wurde. In knapp einem Monat werde ich kreuz und quer durch zwei der ärmsten Länder Afrikas reisen. Mein Besuch ist schon fast zu offiziell könnte man meinen, mal schauen. Ich freue mich sehr. Ich bin sehr gespannt. Es wird anders werden, sehr anders als Japan, anders als ARI.
Während meines Aufenthaltes in Afrika werde ich höchstwahrscheinlich keine E-Mails/Berichte schreiben können, versuche aber jedoch meinen Blog im Internet auf dem Laufenden zu halten. Falls möglich sogar mit Bildern. Die Adresse ist:
www.dennis-africa.blogspot.com oder
www.tanzania-uganda.denniskeller.net
Der Blog ist auf Englisch, für die deutsche Übersetzung bitte ich also um Geduld bis nach Afrika, wenn ich meinen großen Bericht dann übersetzen werde.
Ansonsten bin ich wie immer per Mail erreichbar und freue mich sehr über jegliche Kommentare, Fragen, Anregungen, Kritiken, und so weiter:
mail [-AT-] denniskeller.net
Dennis Keller
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