Liebe Interessierte, dies ist Bericht 9, der zweite Teil. Es ist Ende Juli und auch wenn ich mich an Mai und Juni zurückerinnere so scheint es so lange her. Auf meinem Notizzettel zu diesem zweiten Teil meines Berichtes finde ich ganze vier Stichpunkte.
Und irgendwie weiß ich nicht mehr was ich darüber schreiben sollte. Gefühle kommen und gehen, und während zu dieser Zeit viel in mir vorging, hat sich vieles wieder geändert. Es ist doch ein bisschen schade. Ich meine - ich hatte keine Zeit meinen Bericht zu schreiben. Meinen Mai-Bericht Ende Juli zu verfassen verfälscht die Echtheit um einiges, denn nun schaue ich schon wieder zurück, habe darüber reflektiert, neues erfahren, neu überdacht, neu erlebt. Somit ist es doch irgendwo verschieden von den Erlebnissen und den Gefühlen die ich wirklich zu der Zeit hatte.
In der Tat, "ARI is busy", man ist von Grund auf viel beschäftigt in ARI und da bleibt teilweise leider keine Zeit für andere Dinge. Einerseits leider, andererseits ist es toll. Ich war seit Mai sehr in der Gemeinschaft involviert und einiger meiner Freunde wurde zu meiner Familie. Die Art der Beziehungen hier ist, ich könnte es nicht anders beschreiben, einfach menschlich. Es zählt nicht viel. Egal, wie man aussieht, woher man kommt, was man macht. Es spielt keine große Rolle was man denkt, denn, das wird respektiert. Es ist der Mensch der zählt, und auf dieser Grundlage bilden sich Beziehungen. Ich sage also mit Stolz dass ich hier eine Familie habe.
Und natürlich sehe ich mit Trauer dass ich diese Familie nun Ende Juli wieder verlassen muss. Doch kommen wir zurück zum Mai, in dem ein Teil meiner ‚echten' Familie zu Besuch war.
Erwin und Anke zu Besuch und auf Tour durch Japan
Erwin, mein Vater, und Anke waren mich im Mai hier besuchen. Das hat mich sehr gefreut und ich habe versucht, für sie und mich ein schönes Programm zusammen zu stellen, um natürlich nicht nur ARI und auch nicht nur Japan zu erleben, sondern am besten beides so gut wie möglich.
Deshalb hatten die beiden dann kurz vor ihrer Abreise aus Deutschland schon einen voll geplanten Zeitplan mit Programmen, Rumreisen und anderen Dingen. Die ersten beiden Tage verbrachten sie in ARI, dann begann unsere Japan Rundreise, und dann ging es noch einmal für zwei Tage nach ARI zurück.
Die Kommunikation gestaltete sich in ARI ein bisschen schwierig, hat aber, im Endeffekt glaube ich, doch ganz gut geklappt, und die beiden haben sich sehr tapfer mit ihrem Englisch geschlagen. Falls es nicht weiter ging half ich mit dem Übersetzen. Mich freute es sehr, wie die Participants die beiden hier sehr herzlich aufnahmen, sehr neugierig waren und viel mit ihnen reden wollten. Am zweiten Abend gab es dann - zur Freude einiger weniger Participants und Freiwilligen - einen deutschen Abend mit wunderbarem leckerem Essen. Alle waren satt und zufrieden. Und ein bisschen hat man sich auch wieder unterhalten.
Ich versuchte so viel wie möglich Erwin und Anke zu vermitteln, wer die Participants wirklich sind, wo sie herkommen, was sie für einen Hintergrund haben und was sie machen. Ich glaube, die beiden waren sehr interessiert und genossen es mit ein paar der Participants zu reden. Am nächsten Abend sind wir dann zum Onsen, der traditionellen und sehr typischen japanischen heißen Quelle, gefahren und haben uns dort entspannt und ein Bad genommen.
Am nächsten Tag ging es nach Tokyo, mit vollem Programm durch viele Distrikte Tokyos. Abends traf ich noch Freunde von mir und genoss den seltenen Luxus ein tolles Hotelzimmer in Mitten von Tokyo zu haben. In Tokyo konnten wir vor allem das moderne japanische Leben sehen, verrückte Mode/Fashion, interessante Menschen, und natürlich eine riesige Stadt, endlos mit endlos vielen Menschen. Nach zwei Tagen Tokyo ging es weiter nach Kyoto, der alten Hauptstadt Japans und kulturellen Stätte mit vielen Tempeln und schönen Bergen, die die Stadt umgeben. Wir besichtigten einige Tempel, und vor allem waren die beiden dann erstaunt als wir eine kostenlose Tour an einem der Tempel bekamen. Unsere Tour-Leiterin war eine junge Studentin, vielleicht etwa mein Alter, die als Freiwillige kostenlose Führungen anbietet, sodass sie ihr Englisch verbessern kann. Das macht sie im Zusammenhang eines ihrer Universität Club-Aktivitäten. Selbst nach der Tour akzeptierte sie, natürlich, kein Geld, sondern gab uns im Gegenteil noch ein kleines Geschenk. Wieso sollte sie auch etwas dafür verlangen, denn sie ist fröhlich, dass sie so ihr Englisch verbessern kann und mit vielen Menschen aus vielen verschiedenen Ländern und Kulturen in Kontakt kommt. Ja, solche Dinge sind es, die ich an Japan wirklich liebe. Manchmal sind die Menschen wirklich noch aufrichtig.
Der goldene Tempel in Kyoto
Die zwei Tage in Kyoto verbrachten Erwin und Anke in einem sehr kleinen und traditionellen ‚Hotel' verbrachten. Ein Tatami-Zimmer mit Futons (keinen Matratzen oder Betten), Bad außerhalb, und einem - natürlich - sehr hellhörigen Haus. Das Ryokan - so nennt sich das traditionelle japanische Stilhotel - ist ein kleiner Familienbetrieb, oder eher fast wie ein privates Haus. Ich meinerseits konnte wieder einmal bei Fuji unterkommen und genoss mit ihm die Zeit, hier mal wieder ein herzliches Dankeschön an dich Fuji, gell!
Nach zwei Tagen sind wir per Schnellzug nach Hiroshima gefahren, das sehr westlich in Japan liegt. Dort besuchten wir einmal vor allem das ‚Peace Museum' in dem es über die Atombombe ging, und am nächsten Tag besuchten wir die nahe gelegene Insel Miyajima die für ihren Tempel berühmt ist, dessen Eingangstor halb im Wasser steht.
Der Besuch im Peace Museum war unglaublich, schockierend und packend.
"Ich kämpfte mit mir selbst für 30 Minuten bevor ich das erste Bild machen konnte. Nachdem ich das erste Bild machte wurde ich auf sehr komische Weise ruhig und ich wollte näher dran gehen. Ich ging etwa zehn Schritte vor und versuchte einen neuen Schnappschuss. Aber die Szene die ich sah war so grauenvoll, mein Sucher war voll mit Tränen." So schreibt ein Journalist, der 2 ½ Kilometer vom Einschlag der Atombombe am 6. August 1945 vor Ort war.

Die beiden Bilder oben: Vor und nach dem Einschlag der Atombombe. Man rechnet mit etwa 300.000 Toden.

Es braucht Zeit so etwas zu verdauen. Und wenn man realistisch ist muss man doch zugeben: Auch wenn bei einem Einschlag einer Atombombe oder den Terroranschlägen vom 11. September 2001 eine unglaubliche mediale Präsenz da ist, und die (mediale) Nachwirkungen enorm sind, ist im Vergleich nicht bekannt was jeden Tag passiert.
Dass zurzeit eine der größten Trockenheiten in Zimbabwe vorherrscht, und dort täglich hunderte von Menschen verhungern, wissen sicherlich nur die wenigsten. Es ist vielleicht die schlimmste Hungersnot und diverse Quellen sprechen schon vom ‚stillen Genozid' - ein Volk stirbt. Jetzt! Gerade jetzt in diesem Moment! Aufgrund der schlechten sanitären Situationen steuert auch HIV/AIDS seinen Teil dazu bei, und dass die Regierung gerade ein Gesetz verabschiedet hat, um Telefonate und Internet abzuhören und zu kontrollieren, macht die Situation noch lächerlicher.
Die Prioritäten sind falsch gesetzt in dieser unseren Welt. Es wird Zeit was zu tun! Ja, Lösungen sind nicht einfach. Denn Geld an große Hilfsorganisationen zu spenden hilft meistens nicht. Entweder es kommt bei den Menschen selbst nie an, oder es wird in die falschen Dinge angelegt.
Oh, Entschuldigung, nun bin ich ein bisschen ausgeschweift. Zurück zu unserer Reise durch Japan. Nach dem Besuch dieses Museums, und vielen Gefühlen und Gedanken (wie solcher, über die ich gerade schrieb), ließen wir den Tag ausklingen. Der nächste Tag brachte uns auf die Insel Miyajima und wir waren schwer beschäftigt, die Berge zu erklimmen und schöne Aussichten zu genießen.

Die wilden Rehe waren sehr zutraulich und sind einem konsequent gefolgt!
Nach zwei Tagen Hiroshima ging es dann wieder zurück zu ARI. Da ARI und Hiroshima weit voneinander entfernt sind, dauerte es fast einen ganzen Tag, selbst mit dem Schnellzug Shinkansen!
Und schließlich: Nach 12 sehr anstrengenden, nicht immer einfachen aber doch sehr schönen und genussvollen Tagen ging es für die beiden wieder an den Flughafen und schließlich zurück heim. Es war eine schöne Zeit und ich möchte mich noch mal sehr für alles bedanken!
In ARI - Reis, Reis, Reis
Ende Mai war es dann auch endlich soweit und der große Tag des Reis Pflanzens war gekommen.

Da Community Work waren alle Teilnehmer der Gemeinschaft dabei, um so viel Reis wie möglich zu pflanzen. Gutgelaunt wie immer und mit viel Gelächter und Spaß ging es dann also auf den Weg zu den Reisfeldern, die nicht direkt in ARI sind sondern außerhalb in der näheren Umgebung liegen.
Es ist wirklich erstaunlich, wie viele Reisfelder es in Japan gibt. Selbst in der Stadt, direkt neben der Strasse und dem Supermarkt findet man ein Reisfeld… Ob das - mit all den Abgasen - aber so gesund ist? Nun ja, wie auch immer. Heutzutage wird Reis, jedenfalls in Japan, mit der Maschine gepflanzt. Das ist bequem und geht schneller - und arbeitet fast so genau wie ein Mensch. Doch nachdem die Maschine Reis gepflanzt hat, bleibt das ‚zusätzliche Pflanzen' nicht aus: Also nach leeren Stellen überprüfen, und falls vorhanden dort Reis per Hand nachpflanzen.
Da wir jedoch in ARI sind, und sich Participants aus Entwicklungsländern meist keine solche Maschine leisten können, wird hier natürlich per Hand gepflanzt. Allerdings nicht völlig. Da wir eine Menge Reis produzieren, wäre es zu viel Arbeit alles per Hand zu erledigen. Deshalb pflanzen wir etwa 2/3 mit der Maschine, und den Rest erledigen wir.
Für mich war es natürlich das erste Mal, dass ich Reis pflanze. Also heißt es Schuhe ausziehen, Hose hoch ziehen und rein in den Schlamm, der mit Wasser angefüllt ist. Das Wasser reicht einem dann fast bis zu den Knien, manchmal weniger manchmal mehr. Dann muss man sich bücken und nach der vorgezogenen Markierung eine nach der anderen Reispflanze in den Schlamm drücken. Danach sieht das ganze dann etwa so aus:

Reis Pflanzen hat sehr viel Spaß gemacht. Man muss sich dieses Feld vorstellen mit all den Participants, Mitarbeitern und Freiwilligen die in jeweils einer Linie von vorne bis hinten gehen und Reis pflanzen. Zwar ist es nicht einfach so lange sich zu bücken und immer dieselben Bewegungen zu machen (einige hatten ein paar Tage danach ganz schön Muskelkater in den Beinen), jedoch war es mit all den Leuten sehr unterhaltsam!
Zu dieser Zeit war übrigens auch mal wieder das Fernsehen dabei und begleitete uns bei unserer Arbeit. Um das ganzer - fürs Fernsehen - etwas peppiger zu gestalten brachten sie diesmal ein so genanntes ‚Idol' mit, also ein Mädel das im japanischen Fernsehen einigermaßen berühmt ist. Ich kannte sie jedoch nicht, trotz meiner exzessiven japanischen TV-Kenntnisse nach einem Jahr :-)
Wie auch immer versuchte auch sie sich im Reisfeld und stellte sich glaube ich auch in Ordnung an. Natürlich konnte sie kein Englisch sprechen.
Zur Mittagspause sind wir wieder zurück zu ARI gelaufen und haben unser köstliches Essen genossen. Es wurde reingehauen! Und dann ging es wieder zum Tambo, dem Reisfeld.
Es ist toll zu wissen, dass man das isst, was man selbst anbaut. Und man weiß, wie man es anbaut, wie es wächst, was da drin ist (bzw. dass da nichts drin ist, jedenfalls was chemische Mittel betrifft)...
Yamanami Natural Farm - Volunteer Study Trip
Da wir als Langzeit-Freiwillige in ARI die Möglichkeit haben, zwei Tage offiziell frei zu bekommen, um zwei kurze 'Studienreisen' zu unternehmen, taten wir dies auch. An diesem Tag einigten wir uns, dass wir zur Yamanami Natural Farm gehen, eine Farm die nicht ökologische Landwirtschaft betreibt sondern ‚natürliche Landwirtschaft', also natural farming. Was das genau heißt, und wo genau der Unterschied zwischen ökologischer und natürlicher Landwirtschaft ist, das definieren viele Farmer für sich selbst. Aber so im Groben ist der Unterschied simpel: Währen das ökologische Landwirtschaften Dinge wie natürlichen Fertilizer herstellt, um das Wachstum der angebauten Sorten zu unterstützen, verzichtet die natürliche Landwirtschaft auf jegliche Dinge, die man ‚produzieren' muss, selbst wenn sie aus natürlichen (organischen) Produkten bestehen.

Das ist er, der Verantwortliche und Leiter der Yamanami Natural Farm. Viele Dinge auf dieser Farm fand ich sehr bemerkenswert.
Auf dem Foto z.B. hat er zwei Arten von Erde in seiner Hand.
Auf der rechten Seite sieht man helle Erde. Diese ist von gegenüber der Strasse, direkt gegenüber des Feldes, das man im Hintergrund sieht. Die Erde ist sehr sandig und steinig. Eigentlich sind es fast nur Steine und sandige Materialien. Die Erde ist sehr unfruchtbar und alles andere als förderlich zum guten und gesunden Wachstum von Gemüse und landwirtschaftlichen Produkten.
Auf der linken Seite jedoch sieht man dunkle Erde. Diese ist die Erde seines Feldes - nicht mal 2 Meter entfernt von der schlechten Erde!!! Und das ist, wie die Erde nach ein paar Jahren natürlicher Landwirtschaft wird, mit allerlei Humus und Insekten-Aktivität. Auch wenn die Erde immer noch ein wenig sandig ist, also noch lange nicht ‚perfekt', so hat sie sich aber wahnsinnig verbessert im Vergleich zu der sehr schlechten Erde und den sehr schlechten Bedingungen.
Immer noch bin ich der Überzeugung, dass man selbst in Gebieten wo sich die Desertifikation mehr und mehr ausbreitet, also die Wüste einstmals fruchtbares Land vereinnahmt, dass man dort immer noch die Chance hat, die Wüste zu stoppen. Desertifikation ist als solcher zwar ein natürlicher Prozess, kann aber durch einen natürlichen (!) gegen Impuls gestoppt und zurück gedrängt werden.
Bestes Beispiel hierfür ist eine Frau in China, deren Name ich leider vergessen habe. Vor einem Jahr etwa sah ich Fernsehen eine Dokumentation über sie. Sie hatte in China, nahe einer Region in der die Wüstenausbreitung unausweichlich und nicht langsam die einstmals fruchtbaren Böden übernahm, begonnnen, Bäume zu pflanzen. Am Anfang wurde sie natürlich ausgelacht und sie hatte keinerlei Unterstützung. Doch nach und nach fruchtete ihr Vorhaben, Bäume wuchsen und Stück für Stück konnte sie die Wüste aufhalten, gar zurückdrängen. Jeden Tag pflanzte sie Bäume, und bis heute sind mehr als eine Millionen gepflanzt.
(Ich werde im Internet mehr dazu recherchieren, falls Interesse besteht, kann ich dann weitere Materialien dazu Bereit stellen.)
Ansonsten fand ich auf Yamanamis Farm sehr interessant, dass die eigentlichen Felder nicht wirklich wie Felder sind: Überall ist Unkraut und das soll auch so sein. Das Unkraut selbst wird also als eine Art ‚natürlicher' und vor allem ‚lokaler Kompost' verwendet. Doch auch hier, im natürlichen Landwirtschaften, ist viel Wissen gefragt: Denn wenn man das Unkraut einfach nur wachsen lässt, kann man die Ernte teilweise komplett vergessen. Also gehört auch hier eine gewisse Systematik dazu, jedenfalls in so weit, als dass man auf seine Ernte angewiesen ist.
Natural Farming, zusammen mit der Integrierung von Tierhaltung (Livestock), geht stark in den Bereich von Permaculture, wo das Nutzen von vor allem lokalen Resourcen und die Nachhaltigkeit sehr wichtige Bestandteile sind.
Natürlich wird auch in der Permaculture (das Wort wurde kombiniert aus Permanent und Agriculture) keinerlei Pestizide oder andere chemische Mittel benutzt - andererseits könnte man nämlich nicht von Nachhaltigkeit sprechen, da Pestizide, Herbizide usw. den Boden und somit die Nachhaltigkeit auf lange Sicht gesehen komplett zerstören.
Der Besuch bei Yamanami war insgesamt sehr interessant, vor allem auch da wir das Gesehen immer wieder zu ARI und der dort praktizierten ökologischen, integrierten und nachhaltigen Landwirtschaft vergleichen konnten.
Soviel zum Mai und Juni in ARI. Bis bald, herzliche Grüße, Dennis.
Dennis Keller
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