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Zivildienst (ADiA) in Japan im Asian Rural Institute (ARI) - Berichte:    ( Nach oben    Übersicht )

Bericht 7- Februar und März in ARI und Japan

vom 14.04.2007 09:10


Es brauchte seine Zeit. Ich war beschäftigt. Nicht faul. Auf die Faulheit freue ich mich bald, doch in ARI bedeutet das, seinen Frieden verlieren, wie es Timothy aus Ghana kürzlich ausdrückte… Nach ein paar Opfergaben (ich spreche hier vor allem von schlaflosen Nächten die ich schreibender Weise anderweitig nutzte) gibt es einen neuen Bericht über den Februar und März 2007. Wie immer freue ich mich (nach dem Lesen) über Rückmeldungen aller Art. (mail@denniskeller.net und www.japan.denniskeller.net)



Inhalt:
  • Was ist eigentlich ARI? …ARI als japanische Organisation
  • Im Büro und auf der ganzen Welt
  • Das Feld ruft
  • Japanische Junior High School
  • Das Leben nach ARI - was wir von den Graduates hören
  • Nach ARI: Wohnungssuche
  • Vorschau


    Der Winter ist ja schon vorbei. Die berühmten Kirschblüten blühen. Und, Moment, wieder frage ich mich: Der Winter ist ja schon vorbei?! Das ging schnell. 4 Monate ohne Participants. Vier Monate viel Arbeit. Vier Monate teilweise andere Arbeit. Vier Monate… Waren das wirklich vier Monate? Wie anders das Gefühl für Zeit hier doch ist. Und wie ich am Anfang meiner Zeit hier beschrieben hatte, so fühlt sich ein Tag intensiv an, wenn auch im Winter nicht so sehr, und man spürt die Länge eines jeden Tages (wenn auch im Winter verkürzt), aber auf der anderen Seite rasen die Tage und Wochen quasi an mir vorbei, oder, durch mich durch. Die Winterzeit war ziemlich anders. Natürlich, da keine Participants da waren. Die Gemeinschaft war kleiner, man lernte sich besser kennen. Daraus ergab sich ganz natürlich, dass man auch mehr Abstand brauchte, jedenfalls für mich. So war ich immer mal wieder froh, wenn wir oder ich etwas unternahmen.
    Im März hatte mich dann auch eine Freundin aus Hongkong besucht, worüber ich mich sehr gefreut habe und das ein oder andere Mal waren wir natürlich wieder in Tokyo, Kyoto oder sonst wo.
    Wie auch immer, nun ist der Winter vorbei. Einen kleinen Einblick in die letzten zwei Winter-Monate, Februar und März, möchte ich nun hier vermitteln.

    Was ist eigentlich ARI? ...ARI als japanische Organisation
    Etwa sieben Monate versuchte ich ARI einfach zu beobachten, zu sehen wie was gemacht wird. Zu akzeptieren wie was entschieden wird und umgesetzt wird. Natürlich kannte ich zu Beginn weder die japanische noch die ARI-spezifische und etwas besondere Kultur. In diesem Sinne wollte ich auch nicht gleich beginnen, Dinge die mir fremd oder verglichen mit unserer Tradition seltsam erschienen, zu kritisieren. Stattdessen versuchte und versuche ich die Dinge zu verstehen, nachzuvollziehen, um daraus dann auch etwas zu lernen. Dinge, die uns normal erscheinen - etwa das man ein Problem ausdiskutiert - müssen nicht der beste aller Wege sein. Es gibt andere Wege, und gerade was die Kommunikation betrifft, gibt es derer viele andere in Japan.
    Wie auch immer denke ich allerdings, dass ab da Kritik erlaubt ist, wo man - den kulturellen Hintergrund so weit wie möglich ausblendend - sehen kann, dass eine Methode entweder nicht effektiv ist (wobei das auch schon wieder sehr deutsches Denken ist), oder eher dem ganzen Schaden zu fügt.
    Sehen wir das ganze etwas Japanischer, dann ist nicht die Effektivität ein wichtiger Punkt, sondern zunächst das Gemeinwohl. Und wenn dieses stimmt, dann kann man auch effektiv handeln. In dieser Weise sind die Prioritäten verschieden gesetzt, und man muss, gerade als argumentationsliebender Deutscher aufpassen, nicht missionieren und bekehren zu wollen.
    Nach nun sieben Monaten traue ich mich, ARI zu kritisieren. Dabei versuche ich die Standpunkte aus beiden Kulturen zu berücksichtigen, bzw. auch außen vor zu lassen, und die Dinge die hier geschehen nur so zu betrachten, in wie fern sie einzelne Dinge betreffen. Vor allem denke ich dabei an das Gemeinwohl, die Effektivität der Organisation, die Ordnung innerhalb der Organisation und die Basis, mit der man in dieser Gemeinschaft zusammenleben kann.
    Meine Kritik richtet sich hierbei nicht an die Idee oder das Training selbst, sondern mehr an die Weise wie ARI "regiert" wird. Besonderes Augenmerk möchte ich dabei auf den Direktor legen. Der Direktor lebte viele Jahre im Ausland und ist sicherlich als Direktor geeignet. Darüber zu urteilen bin ich nicht in der Lage, und das möchte ich auch nicht. Auf der anderen Seite kann ich aber sehen, was er macht, und wie er es macht. Der Direktor, Nozaki san, war bereits vor einigen Jahren für einige Jahre Mitarbeiter in ARI. Das war etwa 20 Jahre her. Dann lebte er im Ausland um dann anschließend als Direktor zurückzukehren. Seit April letzten Jahres ist er nun Direktor. Somit 1 Jahr. Da ich meine Beobachtungen nicht einfach so stehen lassen wollte, habe ich mich viel mit Mitarbeitern und anderen Freiwilligen unterhalten. Und anstatt meine Beobachtung revidieren zu können, bestätigte sie sich leider immer wieder und verhärtete sich.
    Es scheint, als habe er ein Bild von ARI, wie es vor 20 Jahren war. Aber nicht, wie es heute ist. Und danach handelt er auch. Das Problem hierbei ist, dass der Direktor die volle Entscheidungskraft hat, und somit entsprechend die Mitarbeiter auf ihn hören müssen, oder ansonsten entsprechend mit Folgen rechnen müssen. In diesem Sinne denkt Nozaki sen etwa, dass der Bereich des "Graduate Outreach" (also der Bereich der sich um all die ehemaligen ARI Participants kümmert - über 1000) ein Unterbereich der "Ecumenical Relations" ist (ökumenische Beziehungen, das ist der Bereich für vor allem Spendensammeln und Fundraising). Tatsächlich ist es aber so, dass Graduate Outreach im Bereich des "Admissions" liegt, also in dem Bereich, der sich um all die neuen Bewerbungen und Organisationen kümmert (also der Bereich in dem ich arbeite). Warum das ein Problem ist? Weil Admissions und Ecumenical Relations von zwei verschiedenen Personen geleitet wird. So denkt der Direktor nun, Steven (verantwortlich für Ecumenical Relations) mache ebenso den Graduate Outreach, wohingegen Michi nur für Admissions verantwortlich ist. Also entscheidet er nun, dass Michi zusätzlich dann ja noch in einem anderen Bereich arbeiten kann, nämlich für das Programm in den Philippinen (deshalb musste sie im Februar für drei Wochen dorthin, siehe später), sowie mehr und mehr auch Koordination des Trainingprogramms. Faktisch hat nun Steven also nur die Ecumenical Relations und Michi dann Admissions, Graduate Outreach, Philippinen-Programm und Mithilfe der Koordination des Trainingprogramms.
    Laut Michi versuchte sie selbst ein Jahr lang dem Direktor genau diese Punkte klar zu machen. Und nun meinte Michi: "Nach einem Jahr habe ich aufgegeben." Stattdessen weiß jeder, also alle Mitarbeiter, was sie arbeiten können und machen dies entsprechend. Dass der Direktor dabei immer noch denkt, jemand anders mache die Arbeit spielt dann doch keine so große Rolle, denn alle anderen wissen ja Bescheid.
    Es ist nur schade, dass hier der Direktor wohl kein offenes Ohr, oder eher Auge hat, um zu sehen wie ARI heute eigentlich aussieht.
    Nun könnte ich kritisieren, wieso denn die Mitarbeiter nicht weiter versuchen, dem Direktor das klar zu machen. Aber hier stoßen wir an eine japanische Grenze, denn das Gemeinwohl ist wichtig. Und um dieses aufrechtzuerhalten wird eher vermieden als rebelliert. Man macht sich selbst klein, um den anderen größer zu machen. Man verbeugt sich in Japan. Man entschuldigt sich, selbst, wenn man nur das Büro vor einem anderen verlässt. Das ist Japan und japanische Kultur. Hier können wir ein Stück wahre japanische Kultur im sonst so internationalen ARI finden.
    Nun, was ist besser, mögen sich manche fragen. Vermeiden oder rebellieren? Das kommt auf die Sichtweise an. Aber es kommt dann eben auch darauf an, ob durch das Verhalten Schaden zugefügt wird oder nicht. Falls nicht, ist alles okay und man kann vermeiden. Falls doch, müsste man noch mal überdenken welchen Weg man ergreift.
    In diesem Sinne war es schade zu erfahren, dass ein Mitarbeiter ARI verlassen musste, da er und der Direktor keine sehr gute Beziehung miteinander hatten. Es ging, grob gesagt, um eine Vertragsänderung und Änderung der Arbeit in ARI. Der Mitarbeiter war nicht mit allen Details einverstanden und reagierte etwas grob. Daraufhin entschied der Direktor, seinen Vertrag nicht, wie geplant, zu verlängern. Als weiterer Grund wurde genommen, dass jener Mitarbeiter ohnehin in der Vergangenheit oft an vielen Dingen nörgelte, bzw. Kritik von sich hören lies. Das ist Japan. Das ist Teil der japanischen Kultur. Doch, bevor nun all die Westler einspringen und die Kultur ändern wollen, muss man sagen, einerseits haben auch beide ein bisschen Schuld (denn mit Respekt und konstruktiven Lösungen kann man durchaus Kritik anbringen, auch in einer japanischen Organisation wie ARI), und andererseits ist eine Kultur mit ihren Sitten und Bräuchen keine Sache, die gerade mal eben so erfunden wurde. Es handelt sich um ein womöglich jahrhundertealtes Konstrukt und Gebilde, das sich verfestigt und bewährt hat. Wie kann eine Person, die gerade mal wenige Monate, oder auch einige Jahre in solch eine Kultur springt, dies in einer solch kurzen Zeit durchschauen, verstehen, verdauen und verinnerlichen?
    Und, trotz so verschiedener Kultur, finde ich, ähneln sich deutsche und japanische Gesellschaft auf unglaubliche Weise. Doch da ARI auch nicht nur japanisch ist, sondern mit der Natur der Organisation viele Menschen betrifft, aus der ganzen Welt, muss man es auch so betrachten, wie die Schule ARI am effektivsten lauffähig ist. Und wenn da die Kommunikation von Mitarbeitern zu Freiwilligen nicht funktioniert, wenn Entscheidungen die gefällt werden, nie angekündigt oder berichtet werden, wie soll man da alles klar verstehen? Und wie soll man ohne klares Verständnis voll fähig sein, alles zu geben und für diese Organisation zu arbeiten? Und wie soll ohne die volle Arbeitskraft diese Schule effektiv laufen?
    Da uns, den etwa 10 Freiwilligen in ARI, ein großes Anliegen war, haben wir uns, individuell und auch in Gruppen, mit Mitarbeitern unterhalten, und sind nun auf einem Weg die Kommunikation mehr und mehr zu verbessern. So werden zukünftig etwa die Mitschriften der Mitarbeiter-Treffen für die Freiwilligen einsichtbar gemacht...
    Denn, genau, alle Kritik braucht vor allem konstruktive Lösungsansätze, sonst bringt die beste Kritik nichts. Oder jedenfalls benötigt es den aktiven Willen eine Lösung zu finden und gemeinsam danach zu suchen. In diesem Sinne, glaube ich, versuchen wir hier alle, immer und immer wieder, die besten Lösungen zu finden. Dass das nicht einfach ist, immer mit dem Versuch all die Kulturen die hier leben, zu berücksichtigen, liegt auf der Hand.
    Dass diese Lösungsfindung lange dauern kann ist klar, bei Menschen die von der ganzen Welt kommen, verschiedene Religionen und Kulturen haben, unterschiedliche Muttersprachen besitzen und - natürlich - eine immer andere Sicht auf die Dinge des Lebens. Und wirklich: Wenn diese kleine Welt in ARI es schafft, nicht nur eine Organisation und Schule lauffähig (und damit eine Basis des Lernens zur Verfügung zu stellen) und genießbar zu machen, sondern wenn wir hier es auch schaffen, in Friede und Verständnis gemeinsam miteinander zu leben und teilen - dann kann das der Rest der Welt allemal.
    Es ist, so wie Timothy, der neue Training Assistent aus Ghana, vor kurzem sagte: "Ich bin Christ, aber ich lebe und arbeite hier mit meinem Cousin* Shariff zusammen, der Muslim ist. In meinem Zuhause habe ich gute Freunde, die Moslems sind, und wir können in Friede miteinander leben." (*Cousin hier als Zeichen der Freundschaft. In vielen Kulturen werden Familienbezeichnungen für gute und enge Freunde benutzt. So sind die afrikanischen Familien z.B. sehr groß, es muss aber nicht immer sein, dass alle Brüder und Schwester, Cousinen und Cousins auch "biologisch" solche sind.)
    "Wieso können", so fährt Timothy fort, "alle mögliche Menschen, wenn es die Basisebene betrifft, wenn es die ländlichen und armen Regionen betrifft, zusammenleben? Wieso können es nur die Politiker und ‚großen Leute' nicht?"
    Wenn wir hier in ARI zusammen in Frieden leben können, dann kann es die Welt allemal. Aber, natürlich, es ist nicht einfach hier. Und vor allem jetzt, im April da die neuen Participants kommen, werden viele viele neue Probleme mit ihnen kommen, viele Missverständnisse und Streitigkeiten. Insofern wird es eine Herausforderung, wie wohl jedes Jahr. Jeden Tag, jeden Augenblick. Und ARI existiert seit mehr als 30 Jahren und hat mehr als 1.000 Graduates auf der ganzen Welt.
    Da wäre es schade, wenn eine veraltete Sicht eines Direktors ein Trainingprogramm schlechter mache, es wäre schade wenn weniger Menschen außerhalb die Möglichkeiten hätten, an diesen Erfahrungen teilzunehmen (laut einigen Gerüchten möchte der Direktor die Anzahl von Besuchern reduzieren).
    Ach, hierbei sei erwähnt dass Gerüchte in der japanischen Kultur eine eher sichere Angelegenheit sind, und als eher verlässlich gelten. Das kann man etwa mit der deutschen "Diskussionskultur" gleichsetzen.

    Trotz aller Kritik an ARI als Organisation (nicht aber als Gemeinschaft als solche) bin ich glücklich hier sein zu dürfen, hier lernen und hart arbeiten zu können.

    Im Büro und auf der ganzen Welt
    Der Februar war ein Monat voller Arbeit. Die anderen Monate waren nichts dagegen. Das hängt mit einigen Dingen zusammen.
    Zunächst damit: Im Februar bewerben sich all die Participants, die im April zu ARI kommen, für ihren Pass, ihr Visum und buchen optimalerweise auch ihr Flugticket.
    Nun geht das aber nicht alles mit links. Das sind 27 Menschen aus etwa 15 verschiedenen Ländern, die alle keine Ahnung von Visa, Pässen und Flügen haben. Das sind Entwicklungsländer, also solche, die von den so genannten Industriestaaten nicht wirklich gemocht werden, jedenfalls was die Einreise von den einen dort in das andere Land betrifft.
    Und das sind zwei Personen in einem japanischen Büro, das keine Isolierung hat, und somit die Kälte willkommen heißt, die das alles koordinieren dürfen. Wunderbar, wäre da nicht der kleine Haken, dass meine Chefin für drei Wochen auf den Philippinen ist, und zwar genau im Februar, dann wenn all diese Arbeit anfällt. Keine Sorge…
    Im letzten Bericht erwähnte ich 27 Participants und zwei Probleme. Nun sind wir 25 Participants ohne Probleme. Die zwei Probleme waren einmal Reeta aus Indien und einmal Santi aus Indonesien. (Siehe Bericht 6 für mehr Informationen). Reetas Schwierigkeiten konnten wir dank grandioser Hilfe beseitigen. Wie gesagt hatte sie ja keinen Pass. All die offiziellen Dokumente kamen nicht an ihrem Ort an. Also los: Michi (meine Chefin) ist auf den Philippinen, ich im Office vor zwei Computern und einem Telefon. Michi wird jeden Tag angerufen, zusätzlich Reeta aus Indien. Briefe werden verschickt, mit den offiziellen Dokumenten, an einen Bruder eines Graduates in Indien der in der Nähe von Reeta wohnt. In der Nähe? Ja, etwa eine 1-Tages-Reise. Zusätzlich kontaktiere ich zwei 2006-Graduates aus derselben Region und frage, ob sie helfen können. Eine von ihnen war zufällig in Japan und somit keine große Hilfe, die andere stattdessen umso mehr. Sie kümmerte sich nicht nur um Reeta, indem sie ihr die Emails weiterleitete (andernfalls konnten wir, außer Mobiltelefon, keinen Kontakt mit Reeta aufnehmen), sondern sie kontaktierte des weiteren eine lokale Organisation, um Reeta finanziell bei all den Reisen zu unterstützen. Diese Organisation schrieb dann zusätzlich einen "wichtigen" Brief an die offizielle Behörde, um die Bewerbung für Reetas Pass zu beschleunigen. Und tatsächlich… Aus den prophezeiten sechs bis zwölf Monaten für ihr Pass wurde sage und schreibe zwei Wochen! Sie hatte ihren Pass! Jetzt war alles einfach. Nun brauchte sie nur noch Visa und Flugticket, befand sich damit also auf demselben Status wie alle anderen zukünftigen Participants auch.
    Problem Nummer zwei konnten wir leider nicht lösen. Santi aus Indonesien sendete uns ein Fax dass sein Gesundheitszustand nicht gut sei, sodass er leider nicht zum diesjährigen Training kommen kann. Hoffentlich wird das nächstes Jahr möglich sein. Somit wären es 26 Participants. Doch wir sind nur 25! Ende März, nachdem schon alle Flüge gebucht waren und jeder sein Visa hatte, und Mukasa aus Uganda sich gerade auf den Weg Richtung Flughafen machte, passierte ein Unfall. Er verletzte sich sein Bein so, dass es nicht möglich ist für ihn, das diesjährige Training zu absolvieren. Auch für ihn gilt nun, hoffentlich 2008! Aber zurück zum Februar und den drei Wochen ohne Michi, zurück zu all den Visa-Bewerbungen und Problemen. Ich war schon recht gestresst, rennend vom einen zum anderen Computer und immer irgendwie auch halb am Telefon. Ich nahm die Anrufe aus Ghana, Indonesien oder den Philippinen entgegen oder machte Anrufe nach Indien oder sonst wo hin. Ich musste viel koordinieren und immer präsent sein. Einem Participant aus Ghana, der ein paar Probleme mit seiner Visa-Bewerbung und seinem Flugticket hatte, gab ich sogar meine japanische Handynummer, da ich für 2 Tage nicht im Büro war, sodass er mich in dringenden Fällen kontaktieren konnte. Und das tat er auch tatsächlich.
    Es war spannend zu sehen, wie alle Prozesse vor sich gingen. Wie manche der Participants sich nur dann meldeten, wenn sie Probleme hatten, nicht aber wenn alles glatt läuft. Es war ein wunderbarer Moment für mich, als der erste Participant (Binod aus Nepal) sein Visum erhalten hatte. Genugtuung und Zufriedenheit. Man merkt den Erfolg der harten Arbeit. (Später war ein noch schönerer Moment, als ich die Participants am Flughafen abholen durfte, aber dazu später.)
    Ich war ebenso glücklich, auch endlich einmal wieder Gebrauch von meinen wundervollen Französischkenntnissen zu machen (sagte ich wundervoll? Nun ja, idealistisch…), als ich mich mit dem madagassischen Reisebüro in Verbindung setzen musste, das leider kein Englisch verstehen konnten.
    Und: Um es auf den Punkt zu bringen: Drei Wochen ohne Michi waren fantastisch. Und am Ende war ich nahe daran aufzugeben. Es war zu viel. Eindeutig zu viel für eine Person. Und dann natürlich für eine so unerfahrene wie mich. Ich wusste nicht den Prozess, der jedes Jahr im Grunde genommen wiederholt wird, wusste nicht, dass der Flug von Ghana nicht über England gebucht werden darf, usw.
    Aufgrund schlechter Erfahrungen von Transit-Visa (dies ist eine Erfindung nach den Terroranschlägen in den USA), können wir keine Flüge von Afrika durch Europa buchen. Also musste ich mich wieder in Kontakt mit den Reisebüros setzen, mit den Participants, und alles neu und umorganisieren. Sei's drum, das wird schon. Und es wurde. Im Nachhinein eine wundervolle Erleichterung, im Moment des Tuns eine unglaubliche Anspannung. Es ist wie ein Drama, ein Thriller, allerdings intensiver, echter. Und so durchlebte ich Momente des Glücks, der Trauer, Stress, Anspannung, Hoffnung, Leiden, Freude. Tja, und wenn mich jemand fragt: "Sag mal, was hast du denn in Japan gemacht?" und ich antworten werde: "Ach, Büroarbeit" dann gibt das etwa so viel wieder, als wenn eine Schnecke versucht eine Oper zu singen. (War das ein schlechter Vergleich?)

    Nachdem irgendwann Mitte März nun alle ihr Visum und ihr Flugticket erhalten haben, kamen dann am 24. März auch schon die ersten beiden Participants aus den Philippinen in Japan an. Und damit sollte dann, Anfang April, auch meine letzte Arbeit für das Jahr 2007 abgeschlossen werden: Participants am Flughafen abholen.
    Doch wie das war, das möchte ich in meinem nächsten Bericht über den April schreiben. Ich bitte somit um Geduld, es gibt ja schließlich noch genug anderes zu berichten!

    Das Feld ruft
    Nein, ein Koch wurde ich leider nicht. Und meine Leidenschaft zum Kochen kann selbst auch noch keine Berge versetzen, oder kochtechnisch ausgedrückt Schlemmereien produzieren, die den Essern das Wasser im Mund zusammenlaufen lässt. Wie auch immer gestaltete sich die Zeit in der Küche, die ich im Winter (also bis Ende März) in der Küche verbringen durfte, aber doch als lehrreich und interessant. Jeden morgen konnte ich mit ein oder zwei anderen Mitgliedern das Frühstück kochen, das natürlich nicht nur aus Reis und den Resten des Vortages besteht, sondern zusätzlich um die Kreativität des Einzelnen erweitert wird, und, in meinem Fall, wundervolle Spiegeleier, Rühreier, Spiegel- und Rühreier, Rühreier mit Gemüse, Rühreier ohne Gemüse oder anderes zaubern kann. Erwähnte ich Eier? Nein, manchmal wagte ich mich auch ans Gemüse oder an die Suppe, sodass ich nicht nur Experte für verschiedene Eiergerichte wurde ("wieso gibt es jeden Morgen denn immer die selben Spiegeleier?"), sondern zusätzlich mein tiefes Wissen um Kochtechniken und Materialien reinigen und Gemüse schneiden erweitern konnte.
    Genug der Ironie. Ich hab wirklich was gelernt! (Aber etwas eierlastig ist das tägliche Menü im Winter doch…) Und ich freue mich, wenn ich in der Zukunft die Möglichkeit haben werde, für mich selbst zu kochen (oder auch für entsprechenden Anhang, falls zutreffend), vor allem aber zu experimentieren - was bleibt mir sonst auch übrig…
    Dank meines kochtechnischen und mit voller Seele begeisternden Könnens wurde ich Ende März dann aus der Küche bugsiert, und mit Schaufel oder ähnlichen Geräten wieder auf dem Feld abgelassen. Da befand ich mich also wieder, morgens und nachmittags eine Stunde pro Tag - auf dem Feld.
    Es ist schön zu sehen wie jetzt im Frühling das Unkraut wieder blüht und die Pflanzen wieder wuchern. In gleichmütiger Meditation mache ich mich dann ans Unkraut jäten oder neue Beete kreieren, wobei hier der Phantasie keine Grenzen gesetzt sind. Natürlich nur, sofern alles im Rahmen bleibt. Die Beete sollten ein wenig höher vom Boden sein, da so das Regenwasser ablaufen kann. Zusätzlich sollte das Beet eben sein, da andernfalls sich entsprechend mehr oder weniger Wasser ansammeln kann, und so das Gemüse je nachdem verrotten kann. Die Kunst des Beete-Erstellens und Unkrautjätens beherrschend bin ich nun wieder zwei Stunden pro Tag glücklich im Feld. Vieles wurde schon gesät, vieles wächst schon ganz eifrig und lugt schon für wenige Zentimeter aus dem Boden heraus.
    Bald wird wieder alles grün, die Unkraut-Saison kündigt sich auch schon freudig an, und so lässt alles auf Frühling und dann auch sicherlich schon wieder viel zu schnell auf Sommer hoffen.
    Natürlich auch im Februar und März war ich für immerhin eine Stunde auf dem Feld. Bzw. nicht wirklich, denn im tiefen Winter ist Feldarbeit nicht sehr sinnvoll, denn ohne Arbeit lässt es sich schwer arbeiten. So fielen dann viele andere Dinge an. Sei es Bohnen sortieren, Erde sortieren (die großen Brocken raus, und die feine Erde sieben, die wir dann für neue Saat verwenden), und so weiter. Grundsätzlich half ich bei all den Dingen, die irgendwie mit der Feldarbeit zu tun haben. Das kann manchmal auch einfach nur Gemüse waschen sein, oder ein paar der Utensilien schärfen (Messer etwa). Im Großen und Ganzen findet man sich aber, natürlich, immer irgendwie im Kreis von Feldarbeit und Produzieren von Essen bzw. Leben, denn darum geht es ja, in diesen zwei Stunden, dem so genannten "Foodlife Work". Ohne Nahrung gibt es kein Leben, und ohne Leben keine Nahrung. Leben und Nahrung können nicht voneinander getrennt werden, in diesem Sinne "foodlife".

    Japanische Junior High School
    Und eines Tages wurden wir von einer Lehrerin einer japanischen Junior High School in ihre Schule eingeladen, um dort einen Tag zu verbringen und den typischen Schultag von 13-15 Jährigen Schülern und Schülerinnen miterleben zu können. Wir konnten mit dem Direktor reden, verschiedene Klassen besuchen, die Sportaktivitäten und den Landwirt, der das Schulessen zur Verfügung stellt; und die Örtlichkeiten sowie die Umgebung anschauen. Die Lehrerin selbst interessierte sich sehr für Deutschland und das deutsche Schulsystem, vor allem auch Waldorfpädagogik, so dass sie in dieser Einladung eine gute Chance sah, mit uns zwei Deutschen (Malte, mein Kollege, und mir) darüber zu sprechen. Letztendlich war das Programm dann aber doch zu voll, und der Direktor vereinnahmte uns zu sehr, so dass Frau Lehrerin (Entschuldigung, ich vergaß ihren Namen) am Ende versprach (nachdem sie uns zum feinen typisch Japanischen Essen eingeladen hatte), noch einmal zu ARI zu kommen um uns über Deutschland zu interviewen. Auch wenn sich dies als eine letztendlich schreckliche Erfahrung herausstellte (aber dazu später), war dieser Tag in einer so typisch japanischen Junior High School ebenso interessant wie amüsant. Moderne Japanische Kultur wie sie leibt und lebt, und mittendrin zwei Deutsche als Stars.
    Nicht nur, dass uns die Mädchen und auch ein paar der Jungs hinter her rannten, verschüchtert kicherten wenn wir durch die Schule liefen, oder uns "ganz frech" und mutig sogar begrüßten (natürlich auf Japanisch) - wir kamen uns nicht nur so vor, wir waren wirklich die Stars in der Schule. Einmal natürlich weil wir Ausländer waren, und Ausländer sind in Japan schließlich immer noch rar - zumindest diejenigen die man quasi anfassen kann, mit ihnen reden kann. Zwar hat Japan Touristen, die können aber generell kein Japanisch und so beschränkt sich der Personenkreis von Ausländern die wirklichen Kontakt mit Japanern haben auf einen sehr sehr kleinen.
    Zunächst etwas merkwürdig, woran ich aber schon seit langem gewohnt war, ist natürlich die Schuluniform. Deutschland ist da ja eine der wenigen Länder, die eine Uniform nicht vorschreibt. In Japan ist die Schuluniform aber ganz normal, und sehr oft sieht man sie auf der Strasse herumlaufen (meist in Zusammenhang mit lebenden Menschen), sogar abends, wenn die Schulen ja eigentlich schon lange vorbei sind. Doch in Japan ist die Schulzeit lange, vor allem weil anschließend oft noch Clubaktivitäten sind, also so was wie Fußball, Tischtennis, und so weiter.
    Die erste Klasse, die wir besuchen durften, war der Englischunterricht. Natürlich stellten wir uns erst einmal vor (auf Japanisch, denn die Japaner sprechen ja kein Englisch) um dann hinten im Raum Platz zu nehmen und dem Unterricht zu folgen. Schließlich (der Unterricht war sehr eintönig, aber dazu später) konnten wir dann auch an einer kleinen Aufgabe teilnehmen, die die Schüler zur englischen Konversation anregen sollte. Alle Schüler waren etwa 13 Jahre alt. Sie sollten einen Satz bilden wie: "I like ... because …", z.B. "I like reading books because I can learn a lot" (Ich mag Bücher lesen da ich viel lernen kann). Und das sollten sie dann mit ihren Mitschülern teilen. Unsere Aufgabe war es, zu fragen: "What do you like the most?" (Was magst du am liebsten?)… Ich hatte mir zunächst eine Gruppe von Mädchen vorgenommen die viel zusammen kicherten, da wohl alle sehr schüchtern und aufgeregt wegen uns waren. Also los: What do you like the most? Die Antwort war dann eine Gegenfrage, die lautete: Do you have a girlfriend? (Hast du eine Freundin?) Es stellte sich heraus, dass diese Frage die beliebteste unter den Mädchen werden sollte, und meine beliebteste Antwort dann letztendlich "Yes, 20"… Wie auch immer, so kann man auch Englisch praktizieren, der Inhalt spielt ja keine Rolle.
    Aber zurück zum Unterricht. Was mir dann vor allem im Soziologie Unterricht noch viel mehr aufgefallen ist: Die Schüler sind wahnsinnig ruhig. Es wird sich nicht getraut sich mit anderen zu unterhalten. Jeder Schüler sitzt an einem extra Tisch. Der Unterricht ist wahnsinnig trocken und gleicht einer schlechten Vorlesung. Zu meiner Genugtuung ist einer der Schüler auch tatsächlich eingeschlafen (auch ich befand mich in jenem Stadium von Nichtwissen ob man noch wach ist oder schon eingeschlafen ist)… Der Lehrer weckte den Schüler sanft mit seinem Stock und meinte bitter-ernst: "Dame desu yo!" ("Das geht aber überhaupt nicht"). Daraufhin stellte er dem Schüler alle Fragen zu dem soeben behandelten Stoff und lies ihn somit blamieren, da er natürlich (dank gesund-genüsslichen Schlafes) den Inhalt nicht mitbekommen hatte.
    Der Unterricht hatte keine Dynamik, keinen Austausch, sondern nur eine Richtung, und diese war sehr trocken.
    Wie von Zauberhand aber verwandeln sich die stummen, schüchternen Schüler(innen) in der Pause, und nach einiger Überwindungszeit und Standartfragen an die Deutschen, in "wilde" junge Mädchen bzw. Jungs. Japan - das Land der Kontraste, wie immer, in allen Bereichen.
    Ebenso interessant wie der Unterricht war der Besuch des lokalen Farmers, der für einen der Teil des Schulessens verantwortlich ist. Nach schon ein bisschen Erfahrung in ARI mit dem Gebiet konnten wir ihm gezielt Fragen stellen, sein großes Feld anschauen, dass er mit nur zwei oder drei Helfern bearbeitet, sehen wie er Chemikalien zum "Schnell-Wachsen" benutzt und nicht einmal den Begriff "Kompost" kannte, der in Japan eigentlich zum Standart-Vokabular gehört, da grundsätzlich alle Farmer den Kompost für ihre Felder verwenden. Ein bisschen Tradition ist selbst bei den "modernen" Landwirten hängen geblieben, die ansonsten Unmengen von chemischen Substanzen auf ihre Felder sprühen. Es war interessant zu sehen, wie wenig Leben in der Erde dieses Landwirtes herrschte, keine Insekten, keine Würmer. Die Erde schien sehr hart. Also im Grunde genommen eine der schlechtesten Grundlagen überhaupt, um Leben leben zu lassen. (Man sagt ja so schön: produzieren.)
    Tja, und stattdessen werden dann chemische Dünger verwendet, um die fehlende natürliche Lebensgrundlage zu ersetzen (wodurch logischerweise ein Teufelskreis erzeugt wird, da ja die chemischen Substanzen eben jene Grundlage zerstört).
    Der Tag in der Schule sollte dann mit einer schönen Runde Tischtennis abgerundet werden. Da wir in ARI fast jeden Tag Tischtennis spielen, fühlte ich mich relativ fit und wettbewerbsfähig um gegen die besten des Clubs anzutreten, und dann natürlich sehr peinlich in den Boden gespielt wurde. Nein, so schlimm war es nicht, es hat viel Spaß gemacht und die Mädels und Jungs waren richtig gut.
    Aber, so scheint mir, wenn man etwas macht in Japan, dann muss das auch richtig sein. Perfektionismus lautet das Stichwort. Sei es das Amateurorchester, der Tischtennisclub, oder aber dann natürlich auch im größeren bzw. allgemeineren Stil das japanische Essen, die traditionelle japanische Architektur und Kunst, Philosophie, oder der Sport. Was auch immer, es sollte perfektioniert werden, verfeinert. Verfeinert, wenn ich schon einmal dabei bin, trifft es wirklich gut; denn "fein" ist vieles in Japan. Nicht nur Perfektionismus sondern auch der Hang Dinge bis ins kleinste Detail auszuschmücken und zu verfeinern ist sehr wichtig. Es sind oft nur Kleinigkeiten, die man entweder gar nicht oder nur sehr schwer bemerkt, die aber dann in solch einer Klarheit und Feinheit strahlen, in solch Perfektionismus, das man wieder einmal denkt, - oha! (Vielleicht denkt man auch etwas anderes, vielleicht auch nichts - man staunt und fühlt eher.)

    Nach all der Ausschweiferei zurück zum Punkt. Der Tag war vorbei und wir fuhren mit dem bezahlten Zug zurück zu ARI.
    Einige Zeit später besuchte uns Frau Lehrerin, nennen wir sie nun Frau Saiko, wieder in ARI, um uns zu interviewen. Auch wenn ich mir alle Mühe gab, und ebenso meine beiden Mitstreiter Malte und Mirjam, so waren wir doch überaus froh und erleichtert als Frau Saiko uns wieder verließ. Sie liebte Deutschland, und diese Liebe wollte sie uns vermitteln - drei Deutschen, die irgendwo doch nicht so durch und durch Deutsch sind. Ich möchte sie wirklich nicht schlecht reden; aber nach etwa drei Stunden Vorurteilen gab ich auf, etwas zu versuchen. Immerhin interessierte sie sich für Waldorfpädagogik, das fand ich ganz nett. Aber ich bin mir nicht sicher, ob sie sie wirklich verstand. Na ja, um mit ihren Worten dieses Kapitel zu beenden: "Deutschland ist großartig, großartiger, am Großartigsten." Nun denn, Weidmanns Heil. Und auf zum nächsten Kapitel.

    Das Leben nach ARI - was wir von den Graduates hören
    Nach dem Trainingprogramm gehen optimalerweise alle Participants zurück in ihre Länder, und vor allem zurück in ihre Organisation oder Gemeinschaft oder Kirche über die sie ursprünglich zu ARI kamen. Dort sollen sie fortfahren, eigentlich erst beginnen, mit der harten Arbeit. Dort sollen sie ihre Träume verwirklichen, einen Ort zu schaffen, an dem Menschen miteinander leben können (ARI Motto: "That we may live together"). Das bedeutet viel: Kein Hunger, keine zerstörenden Chemikalien auf den Feldern, Autarkie, Arbeit, Bildung, und so weiter. Im Grunde genommen aber ist das Wichtigste (und das schließt so gut wie alles mit ein): Ein glückliches oder zufriedenes Leben.
    Wie Neely, 2006 Participants aus Myanmar (ehemals Burma) sagt: "Und das ist mein erster Traum: Ich möchte die Leute meines Chin Volkes glücklich sehen. Aber wie geht das, wenn wir nicht genug Nahrung haben?"
    Nun möchte ich nicht in die Ernährungsdebatte einsteigen, von wegen ob genügend Nahrung auf dieser Erde verfügbar ist oder nicht (ok, ganz kurz, definitiv ist genügend vorhanden, vorausgesetzt es würde richtig verteilt, und es würde keine Monokultur betrieben)… Es ist also eine politische Frage.
    Aber vielmehr möchte ich ein wenig über ARIs Graduates berichten. Wie ist es in einem armen Land zu arbeiten? In einer Gegend wo um dich herum Menschen umgebracht werden? In einer so abgelegenen Gegend dass du manchmal nicht aus deinem Dorf kommst, da es nur Schlammpfade gibt, die in der Regensaison überflutet sind?
    Immer wieder bekommen wir Post von unseren Graduates, in der sie darüber berichten, wie es ihnen nach ARI geht, was sie arbeiten und wie sie das ARI Training weitervermitteln können. Viel möchte ich darüber nicht sagen, denn konkret werde ich das bald selbst in Ostafrika erleben und somit dann ein besseres Bild vermitteln können. Doch manchmal werden wir, trotz all des herzlichen Lachens aller Participants hier in ARI, wieder daran erinnert, aus welchen Gegenden dieser Welt unsere Participants und Graduates wirklich kommen.
    So wie Kannan, 2006 Participant aus Sri Lanka, der immer heiter war und hoch motiviert. Kannan kommt aus Sri Lanka und lebt dort in einer Region wo nun seit einiger Zeit wieder die Rebellen aktiv sind. In Sri Lanka herrscht mehr oder weniger ein Bürgerkrieg zwischen den Tamil und den Singhalesen. Und Kannan schrieb uns, wie genau in seiner Gegend, in seiner Nachbarschaft, nun Leute umgebracht werden. Da ist, natürlich, niemand sicher. Oder Babycha, ebenso Participant letztes Jahr aus Nordostindien. Immer noch herrscht in Nordostindien, vor allem im Staat Manipur, eine chaotische Situation. Immer noch vernachlässigt die indische Regierung diese Region am meisten und macht es Reisenden u.a. auch sehr schwer Zugang in diese Region zu gewähren. Wie auch immer arbeitet Babycha dort in einer Organisation die sich vor allem um die Stärkung der Frauen kümmert. Gerade vor ein paar Tagen haben wir einen Bericht von ihr erhalten, in dem sie von einigen Fällen berichtet, in denen junge Mädchen gekidnappt werden, vergewaltigt und dann brutal getötet. So schlimm das natürlich ist, gibt es das auch teilweise in Deutschland zum Beispiel. Was es aber noch viel grausamer macht ist, dass die Polizei das ignoriert. Es wird nichts dagegen unternommen. Und dann stehen Babycha und ihre Organisation da und protestieren, kämpfen, auf der Strasse, wo auch immer notwendig, dafür, dass etwas getan wird.
    Das erinnert uns in ARI immer wieder an die Wichtigkeit unseres Auftrages und Ideales hier. Trotz all der fröhlichen Gesichter, die wir hier Tag für Tag antreffen.
    Und ‚hier' wimmert man über das Alltägliche. Wie schlimm geht es uns doch. Aber man bekommt nie genug, so ist das wohl. Und der Reichtum macht wohl doch unglücklich? Oder er macht es uns einfach nur sehr schwer… Oder wir machen es uns schwer… Oder sind wir doch alle rundum zufrieden? Können wir genießen? Und… können "die" das denn wirklich? Und alle?

    Nach ARI: Wohnungssuche
    Auch wenn es noch vier Monate sind, bis mein Dienst beendet ist, so habe ich mich doch schon entschieden, wie es danach weiter gehen wird. Zunächst einmal werde ich ja, wie bereits schon vorher angekündigt, für etwa einen Monat nach Tansania und Uganda gehen, um dort ARI Graduates zu besuchen und die Situationen vor Ort kennen zu lernen. Erfreulicherweise werde ich hierfür auch die finanzielle Unterstützung von der "Asian Rural Welfare Association" (ARWA) erhalten, was die Hälfte meiner Reisekosten (also etwa 450 Euro) decken wird. Die restlichen Reisekosten sowie zusätzlich anfallende Kosten wie Visa und Impfungen sind noch nicht gedeckt und ich hoffe hierfür noch die eine oder andere Unterstützung zu erhalten und werde natürlich selbst so gut wie möglich dazu beitragen, dass dieser Trip möglich wird!
    Zurzeit sind wir am Planen und Koordinieren und hoffen, dass ein Treffen für alle Ostafrika Graduates möglich sein wird (Tansania, Uganda, Kenia und möglicherweise Sambia). Es scheint sich jedoch als schwierig herauszustellen. Nichtsdestoweniger verwandelt sich der Monat Ostafrika immer mehr in einen konkreten Plan und Dank der ausgezeichneten und wundervollen Hilfe von Graduates in Tansania und Uganda werde ich mit vollem Programm durch die beiden Länder reisen, Städte und abgelegene Dörfer sehen, Graduates besuchen und mit ihnen zusammen arbeiten und für eine kurze Zeit zusammen leben und teilen.
    In der ersten Hälfte des Augusts wird der ARI-Direktor, Isao Nozaki, ebenfalls, wie ich, nach Tansania gehen. Dadurch eröffnen sich noch weitere Möglichkeiten was die Treffen und das Kennen lernen der dortigen Situationen betrifft. Womöglich, aber das steht eher noch in den Sternen als auf dem Papier, wird es eine Studienreise durch Tansania und Sambia geben, so dass ich für einen Teil der zwei Wochen Tansania diese Tour begleiten könnte und evtl. sogar die Möglichkeit hätte für ein paar Tage rüber nach Sambia zu fliegen. Doch hier ist vor allem die Finanzierung noch fraglich, da ich da selbst nichts beisteuern kann, und das von ARI-Seite her noch nicht geklärt ist. Doch was den wirklich konkreten Plan für den einen Monat Ostafrika betrifft, dafür ist noch ein wenig Zeit, wenn auch mittlerweile gar nicht mehr so viel. Wieder einmal merke ich, die Zeit rast. Es ist ja schon April.
    Und da wäre ich wieder beim eigentlichen Thema angekommen - wie geht es denn nun weiter, nach ARI, nach meinem Dienst?
    Die Überschrift dieses Kapitels nannte ich "Wohnungssuche". Und in der Tat werde ich erstmal auf Wohnungssuche sein. Na ja, womöglich in einem gewissen anderen Sinne. Aber ich möchte erstmal ganz konkret und im Kleinen anfangen: Die Uni. Genau, nach ARI geht's zunächst an die Uni.
    Welche Uni und wo und was es werden sollte, war schwieriger als gedacht, und eben so wie erwartet. Es gab einige Möglichkeiten, und schwere und viele Minuten der Überlegungen. Zunächst hatte ich mich schon vor ARI für mehrere Universitäten in England und Schottland beworben. Meine Favoriten waren da vor allem Edinburgh und Cambridge. Letztere Wahl verlor allerdings sehr schnell an Attraktivität, so dass mich beim letztendlichen fast-letzten Schritt wohl nicht ganz die Ernsthaftigkeit gepackt hat, und ohne einen wahnsinnigen Ehrgeiz ich einen 4-seitigen Essay geschrieben hatte - dann aber abgelehnt wurde. Schade war's nur um die Bewerbungsgebühr von etwa 50 Euro, die eigentliche Absage war dann doch egal.
    Wie auch immer hatte ich mich dann aber auch noch in Holland beworben. Nun spreche ich aber kein Holländisch (und die Intention es zu lernen war auch nicht wirklich gegeben)… Aber das ist und war auch nicht notwendig, da ich mich bei einer internationalen Universität in Utrecht bewarb. Nach Bewerbung und schließlich auch einem Interview wurde ich, wie auch an den anderen Unis in Großbritannien, angenommen. Aber damit soll es nicht genug sein, schließlich bin ich ja in Japan, also sollte die Bewerbung für eine internationale, zweisprachige Uni in Tokyo folgen. Und nach langen und vielen qualvollen Stunden von Überlegungen, und dank der Hilfe von einigen meiner ehemaligen Lehrer in der Waldorfschule (Vielen Dank an Frau Buchmüller, Herr Dr. Ciemnyjewski und Herr Krämer!) ohne die ich mich nicht hätte bewerben können, entschloss ich mich für Holland.
    Wieso so schwierig? Und wieso nicht einfach Deutschland? Habe ich kein Heimweh? Will ich meine Familie und Freunde nicht wieder sehen?

    Es sind viele Fragen die mir immer wieder gestellt werden. Viele Fragen, die ich mir lange und oft und immer wieder selbst gestellt habe. Entscheidungen, die ich in meinem Kopf gemacht habe, wurden dann wieder und wieder umgedreht und überschlagen, überdacht, verwirrt und letztendlich erneut entschieden… Denn letztendlich ging es mir darum: Was werde ich aus meinem Leben machen? Jetzt kann ich wählen was für einen Weg ich gehen möchte. Was ich machen will. Und wie. Und wo. Jetzt bin ich in der Lage zu wählen, was für ein Leben ich leben möchte, wie ich mich selbst entwickeln möchte - zumindest in einigen wenigen Punkten, in denen wir das selbst bewusst bestimmen können.
    Und ich entschloss mich, auf Wohnungssuche zu gehen.
    Was das heißt?
    Nach nun etwa sieben Monaten Japan und vielen Reflektionen, vielen Vergleichen und vielem Sehen-Können wird mir mehr und mehr bewusst was ich machen möchte, und wie. Mir fällt auf, wie verschieden eine Kultur von der "unseren" sein kann. Mir fällt auf, wie wohl ich mich fühle in einer solchen Kultur. Ich bemerke, was ich von dieser neuen Kultur übernehmen kann, annehmen kann. Oder: Wo sich meine Persönlichkeit dieser "fremden" Kultur ähnelt und wie fremd mir manchmal "unsere" Kultur scheint. Ich merke, wie ich vieles nicht verstehe oder ganz einfach (noch) nicht sehe. Ich kann, und nun viel stärker als nach den drei Monaten die ich in Australien verbracht habe vor drei Jahren, ich kann wahrnehmen wer ich bin.
    In diesen sieben Monaten, in denen ich nun schon in ARI lebe, merke ich wie sehr ich das "Internationale" liebe. Wie sehr ich mich einigen Kulturen zugeneigt fühle, anderen einfach fremd fühle, trotz allem aber selbstverständlich offen und neugierig. Und ich frage mich immer wieder: Möchte ich in einem Land wie Deutschland leben?
    Nun ist Holland ja nicht sehr verschieden von Deutschland… Die Uni in Holland habe ich aus mehreren Gründen gewählt. Nicht des Landes wegen, sondern der Internationalität wegen (mindestens die Hälfte aller Studenten sind international) und vor allem der Kosten wegen (verglichen mit Japan kostet die Uni in Holland so gut wie nichts, selbst Deutschland ist je nachdem etwas teurer). Und dann gab es da natürlich noch einige andere Gründe, die hier jetzt aber nicht so wichtig sind.

    Nach ARI möchte ich auf Wohnungssuche gehen. Ich möchte die Welt sehen und wahrnehmen. Die Menschen darin erleben und mit ihnen leben. Gedanken und Erfahrungen, Glaube und Ideen austauschen. Mit ihnen arbeiten, von ihnen lernen und mit ihnen wachsen. Holland ist der Anfang, und auch aufgrund meiner Familie, meine Uni-Wahl. Doch letztendlich möchte ich auf Wohnungssuche gehen. Wo kann ich leben? Wo will ich leben? Vielleicht Japan? Vielleicht Ostafrika? Vielleicht Indonesien? Wie kann ich das beantworten, ohne jemals dort gewesen zu sein… gar nicht. Und so muss ich mir wohl zunächst die Gegenden anschauen, ja, wie das eben so üblich ist - bei einer Wohnungssuche.

    Und was eignet sich besser zum Wohnungssuchen und Kennen lernen von Kulturen und Menschen, als das Studium der sozialen und kulturellen Anthropologie (im deutschen Sprachraum oft auch "Ethnologie", also Völkerkunde)? Anthropologie ist die Wissenschaft des Menschen, und das ist genau das, was mich so brennend interessiert: Der Mensch. Und nicht zuletzt natürlich ich selbst. Wer bin ich? Wieso bin ich hier? All die typischen, üblichen Grundfragen auf die es scheinbar nie eine Antwort gibt - jedenfalls keine ausformulierbare, objektive und faktisch-sichere… Aber was soll's. Nun lebe ich hier. Vielleicht nur einmal - da möchte ich wissen, was es damit auf sich hat. Und nebenbei das Leben leben, jeden Augenblick, genießen und hart arbeiten, alles geben was ich kann. Leben, mit dem größtmöglichsten Potential, wie es das ARI-Motto sagt… Das habe ich schon vor ARI in winzigen Einsichten so gefühlt, aber vor allem hier hat sich das verdichtet und konkretisiert. Ich freue mich auf jeden Tag und auf das, was ich machen kann, auf das, was ich sehen kann und lernen kann, lehren und teilen.

    In Holland werde ich allerdings nicht nur Anthropologie sondern auch andere Fächer lernen, sehr nach belieben, da alles für jeden offen ist. Zusätzlich ist eine neue Fremdsprache Pflicht, sodass ich weiter mit voller Energie eine neue Sprache erlernen darf (vielleicht Spanisch?).

    Und konkret? Konkret werde ich zweieinhalb Jahre in Utrecht, Holland studieren plus ein halbes Jahr irgendwo im Ausland. Dazu gesellen sich entweder Praktikum oder Forschungsprojekt in einem (höchstwahrscheinlich) so genannten Entwicklungsland. Dann werde ich erstmal einen "Bachelor" haben, muss also dann noch ein oder zwei Jahre dran hängen (wo ist natürlich ungewiss) um den "Master" zu bekommen, was in etwa mit dem deutschen Diplom vergleichbar ist. Oder ich kann wahlweise direkt mit dem Doktor starten, aber das hat nun wirklich noch Zeit, dazu dann später - einige Zeit später…

    Vorschau
    Im nächsten Bericht werde ich voller Freude über das Abholen der neuen Participants am Flughafen schreiben, über Kennenlernspiele in und um ARI und über verschiedene TV-Produktionen die ARI ins japanische Fernsehen bringen… Zusätzlich noch mehr, nämlich all das, was ich im April erleben werde. Bis dahin, bis Ende April, herzliche Grüße aus Japan.

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    Photos: www.flickr.com/photos/dennisk

    Dennis Keller

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